Fünf Fragen an… Carl Friedrich Eckhardt

RENEWBILITY - Carl Friedrich Eckhardt

Foto: Carl Friedrich Eckhardt
Quelle: BMW Group

Was für eine Rolle spielt Carsharing für die Automobilindustrie?

2007 lebten erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. 2030 sollen bereits 60% der Weltbevölkerung in Städten leben, 2050 sollen es 70% sein. Umgerechnet heißt das, dass 2050 rund sechs Milliarden Menschen in Städten leben werden, doppelt so viele wie im Jahr 2005. Das bedeutet eine erhebliche Verdichtung des Wohnraums und eine starke Zusatzbelastung für die städtischen Verkehrssysteme. Vor diesem Hintergrund ist anzunehmen, dass die Preise für Wohn- und Parkraum weiter steigen werden.

Die BMW Group geht davon aus, dass neben dem Verkauf von Automobilen an Kunden zunehmend auch das Geschäft mit Mobilitätsdienstleistungen an Potenzial gewinnen wird. Mit DriveNow adressiert die BMW Group völlig neue Zielgruppen und erschließt sich damit ein zusätzliches Geschäftspotenzial für die Zukunft.

Was sind die drei kritischen Erfolgsfaktoren für Carsharing aus Ihrer Sicht?

Ein Carsharing Angebot sollte idealerweise ebenso attraktiv sein wie ein eigenes Auto vor der Tür. Die drei wichtigsten Erfolgskriterien sind aus unserer Sicht:

  1. Flexible Nutzung und hoher Grad der Emotionalität: Es muss möglichst unkompliziert sein, ein Fahrzeug zu nutzen und es nach der Nutzung auch wieder abzustellen. Außerdem muss es Spaß machen, den Carsharing-Dienst zu nutzen.
  2. Hohe Verfügbarkeit der Fahrzeuge an Quellen und Zielen der Mobilität (Flottengröße, Geschäftsgebiet): Idealerweise müssen Kunden die Erfahrung machen, dass ein Fahrzeug für sie an jeder Ecke bereitsteht. Sie dürfen nie die Sorge haben, dass sie kein Fahrzeug finden.
  3. Abdeckung der Fahrtzwecke der Kunden durch einen attraktiven Flottenmix und durch differenzierte Preismodelle (in Verbindung mit einem hochwertigen ÖPNV- und Radverkehrsangebot): Eine Auswahl verschiedener Fahrzeuge für unterschiedliche Zwecke – und im Idealfall auch unterschiedliche Tarifmodelle je nach Anwendungsbedarf.

Ihr liebstes Best Practice Projekt zum Carsharing?

DriveNow operated by Arriva in Kopenhagen ist meines Erachtens ein sehr vorbildliches Beispiel. Der örtliche ÖPNV-Betreiber Arriva betreibt eine flexible, rein elektrische Carsharing Flotte von 400 BMW i3. Es gibt über sieben Ladepunkte pro Quadratkilometer Geschäftsgebiet – ein international unerreichter Wert. Schließlich ist die intermodale Verknüpfung sehr gut gelungen: Die ÖPNV-Karte kann zum Öffnen der Fahrzeuge genutzt werden und im Fahrzeug besteht die Möglichkeit eines intermodalen Routings in Echtzeit.

Wo sehen Sie Carsharing in Deutschland in 5 Jahren?

Bereits unter den heutigen Rahmenbedingungen ist Carsharing auf Wachstumskurs. Neue Zielgruppen werden für Carsharing gewonnen, die Nutzerzahlen steigen ebenso wie die Flotten. Die Entlastungseffekte für Städte in puncto Flächenbedarf, Verkehrsleistung und Emissionen sind belegt. Eine sehr gute Ausgangsbasis für Städte, die Chancen des Carsharing für ihre Nachhaltigkeitsstrategie so zu nutzen, dass positive Effekte auch sichtbar werden.

Das Potenzial für eine Millionenstadt liegt bei mehreren zehntausend Carsharing Fahrzeugen. In fünf Jahren können wir gemeinsam mit den Städten einen guten Teil der damit verbundenen Entlastungseffekte realisieren.

Sie werden Oberbürgermeister einer mittelgroßen deutschen Stadt – was tun Sie, um Carsharing erfolgreich einzuführen?

Ich hätte das Ziel, die Attraktivität des Mobilitätsangebotes für meine Bürger zu steigern. Damit wäre auch die Voraussetzung zur nachhaltigen Stadtentwicklung geschaffen. Je effizienter der Verkehr, desto höher die Lebensqualität einer Stadt. Für die Umsetzung wäre es von zentraler Bedeutung, den Bürger in den Mittelpunkt der Aktivitäten zu stellen: Jede Veränderung führt auch zu Befürchtungen, man müsse auf etwas verzichten.

Deshalb ist es wichtig, die Bürger bei der Gestaltung der Stadtquartiere einzubinden und das Mobilitätsangebot an ihren Bedürfnissen auszurichten. Nur so wird es in den Städten eine hohe Akzeptanz dafür geben, Flächen nachfrageorientiert umzuwidmen. Carsharing kann dann erfolgreich eingeführt werden, wenn die Bürger es wollen und die Vorteile verstehen, die damit entstehen können.

Dr. Carl Friedrich Eckhardt ist Head of CoC Urban Mobility bei der BMW Group
Das Gespräch führte Robert Sedlak, Agentur tippingpoints
Foto NN