Fünf Fragen an Christian Hochfeld, Geschäftsführer der „Agora Verkehrswende“

RENEWBILITY - St. Mercator Portrait Hochfeld

Quelle: Stiftung Mercator / Bettina Ausserhofer

1. An welche Sektoren denken Sie beim Begriff „Dekarbonisierung“?

Bewusst an alle. Schließlich wurde die Dekarbonisierung beim G7-Gipfel in Elmau 2015 ja als Ziel für die weltweiten Volkswirtschaften als Ganzes festgesetzt – und nicht nur für einzelne Sektoren. Die umfassende Substitution von fossilen Energien durch Erneuerbare ist ein zentrales Modernisierungsprojekt unserer Gesellschaften, das für den globalen Klimaschutz alternativlos ist. Konsequentes Handeln ist auch aus wirtschaftlichen Gründen dringend geboten, denn spätestens seit der Veröffentlichung des Stern-Reports vor zehn Jahren wissen wir, dass die Folgen des Klimawandels unsere Volkswirtschaften morgen stärker belasten werden als Dekarbonisierung und Klimaschutz heute, die auch große wirtschaftliche Chancen bieten.

2. Ist diese Erkenntnis schon in der Öffentlichkeit angekommen?

Leider wird dies in Politik und Wirtschaft noch nicht in allen Bereichen mehrheitlich getragen und verstanden. Wir sehen als zentrale Aufgabe der Agora Verkehrswende, Verständnis und Vertrauen für die notwendigen Veränderungen durch die Verkehrswende zu fördern. Uns steht da eine Herkulesaufgabe bevor, die wir aber durch gemeinschaftliches Handeln von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft bewältigen können. Wir müssen alle am gleichen Strang ziehen, die Verkehrswende ist nicht die Aufgabe einzelner Akteure.

3. Warum spielt der Verkehr so eine wichtige Rolle?

Zum einen sind Mobilität und Verkehr das Rückgrat der Gesellschaft. Daraus ergibt sich eine zentrale Bedeutung des Sektors auch für die Dekarbonisierung. Zum anderen ist es uns in den letzten 25 Jahren zwar gelungen, das Verkehrswachstum von den Emissionen zu entkoppeln. Der absolute Klimaschutzbeitrag und der Anteil der erneuerbaren Energien sind aber weiterhin sehr klein. Das müssen wir ändern und uns an ambitionierten langfristigen Klimaschutzzielen orientieren. Rund um die Elektrifizierung des Verkehrs wird beispielsweise immer die kurzfristige Perspektive diskutiert, dass es also bis 2020 eine Million E-Autos in Deutschland geben soll. Viel wichtiger ist aber die Frage: Wie erreichen wir das langfristige Ziel, bis 2050 den gesamten landgebundenen Verkehr weitestgehend zu elektrifizieren – direkt oder über strombasierte Kraftstoffe?

4. Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht vorrangig?

Wir müssen zunächst Akzeptanz für die Verkehrswende schaffen – indem wir die Vorteile für die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche aufzeigen, von der Wirtschaft bis zur Gesundheit. Dann werden wir auch Mehrheiten für politisches Handeln bekommen. Wir brauchen unbedingt eine Energiewende im Verkehr – also die Substitution der fossilen Kraftstoffe durch Erneuerbare. Die kann nur gelingen, wenn wir auch alle Potenziale zur Vermeidung, Verlagerung und Optimierung im Mobilitätssektor ausschöpfen, um den Energiebedarf zu senken: Der Personenverkehr muss auf E-Mobilität umgestellt werden und der Güterverkehr zusätzlich noch mehr auf die Schiene setzen. Wir werden auch die Preisstrukturen für Strom, Diesel und Benzin überdenken müssen. Der Verkehr muss als eigener Sektor auch einen Beitrag zur übergreifenden Energiewende leisten.

5. Wie schätzen Sie das Projekt Renewbility ein?

Projekte, die Optionen und Wege für Dekarbonisierung und Klimaschutz im Verkehr aufzeigen, sind wichtig. Bei Renewbility ist zusätzlich die intensive Einbindung der verschiedenen Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft hervorzuheben. So leistet das Projekt nicht nur einen analytischen Beitrag zu einer Roadmap für die Verkehrswende, sondern schafft Verständnis für die Wirkung von Maßnahmen und somit Akzeptanz für deren Umsetzung. Die Instrumente und Forschungsergebnisse von Renewbility können auch den ressortübergreifenden Dialog zur Dekarbonisierung innerhalb der Bundesregierung unterstützen.

Christian Hochfeld ist Geschäftsführer der „Agora Verkehrswende“ und war zuvor als Mitarbeiter des Öko-Instituts am Start des Projekts Renewbility beteiligt.
Das Gespräch führte Robert Sedlak, Agentur tippingpoints